Mittwoch, Februar 10, 2010

Freak Kitchen - Land of the Freaks - Konzertkritik

Gießen, Hessenhalle 4, 06.02.2010

Wer unter Metal noch Krach oder punkigen Dilettantismus versteht, wird spätestens durch Instrumentalvirtuosen wie Mattias »IA« Eklundh (E-Gitarre, Gesang), Björn Fryklund (Drums) und Christer Örtefors (E-Bass, Gesang) eines besseren belehrt.

Das einzige Deutschlandkonzert ihrer Land of the Freaks Tour spielten die drei schwedischen Musiker der Ausnahmeformation Freak Kitchen in Gießen. Warum denn Gießen? Das Gourmetschmankerl zeitgenössischer Rockavantgarde wurde von der Kulturinitiative Gießen e.V. präsentiert, die schon im Vorjahr zu einem Workshop mit dem didaktisch versierten Gitarristen Eklundh eingeladen hatten und sich anlässlich der aktuellen Tour erfolgreich dafür einsetzten, dem hiesigen Publikum einen Einblick in die schwedische Küche zu gewähren.

Während sich die Gäste bei gekühlten Getränken vor der Bühne sammelten, mal laut, mal leise oder durch Fanshirts zur Band bekannten und sich auf das Programm freuten, schallten Rockstücke der Gegenwart aus der PA-Anlage, bis der Abend schließlich eröffnet wurde.

Als Vorspeise wurde die Marburger Band Complex7 gereicht, die wie heutzutage gewohnt schubladenfremden Metal auf hohem Niveau mit Headbangingimpuls und sozialkritischen Texten spielte.

Ein behelmter Bassist mit Stimme, Charme und Bühnenpräsenz.
Wie ebensolche Gitarristen leider eine Seltenheit.

Nach einer kurzen Umbauphase wurde Freak Kitchen unter Beifall angekündigt und die drei Musiker betraten die Bühne. Auffallend der nicht nur publikums-, sondern menschennahe Kontakt: Eine freundliche Ansprache des Gitarristen und Sängers, ein paar Späße des behelmten Bassisten, der Schlagzeuger dezent im Hintergrund. Menschen, die Musik machen. Freakige Vikingermusik, wie sie selbst immer wieder betonen.

Gespielt wurde ein Set mit Titeln sowohl des aktuellen Albums Land of the Freaks als auch bewährte und beliebte Stücke, die die Fans mitsangen, während Gitarristen die Spieltechnik bestaunten und das Equipment des Virtuosen aus der Nähe begutachteten. Seine Apple Horn Signature-Gitarren der Marke Caparison am Röhrenverstärker von Laney. Puristisch ohne Effekte, obgleich manch ein Zuhörer kaum glauben mag, wie man eine schlichte elektrisch verstärkte Gitarre zum Klingen, Heulen und Kreischen bringt. Dazu gibt Mattias Eklundh aufklärende Freak Guitar-Seminare und beschreibt seine Spieltechnik auf seiner Website.

Die Musik von Freak Kitchen mit Einflüssen u.a. aus Metal, Jazz, indischer Musik und Elektronik ist nicht hämmernd laut, sondern dynamisch und die Musiker bewegen sich mit dem Publikum angenehm zwanglos und unverstellt.



Mitklatschen für Fortgeschrittene gab es bei einer experimentellen Einlage handgemachter »Elektrobeatmusik« für Schlagzeug und Kelstone, einer Art Kreuzung aus Chapman Stick und lap steel guitar.
Viele Stücke der Meisterköche sind durch krumme Taktarten und ungewöhnliche Wechsel gekennzeichnet, die für Anhänger von Ozzy Osbourne, Lordi und anderen rockenden Schlagertruppen nur schwer mitzuklatschen sind. Und so wurde ein kurzweiliger Workshop zur musikalischen Weiterbildung des Publikums durchgeführt, nach dem das Eis selbst für den letzten Klatschmuffel gebrochen war.

Mitklatschen für Fortgeschrittene:
Christer und Mattias am Kelstone mit Dunlop WahWah-Pedal
bei experimenteller Musik und musikalischer Elementarlehre


Dass selbst herausragende Musiker sich verspielen können, ist bekannt und wird unter Beifall verziehen, weiß man doch das Handgemachte zu schätzen. So geschehen, wenn Mattias sich nach dem Mitklatschen für Fortgeschrittene im darauffolgenden Stück verzählt und seine Kollegen bittet, neu zu beginnen.

Nach dem Ende der Setlist verlangte das Publikum Zugaben. Die folgten prompt mit dem Kommentar, die Band sei doch nicht extra aus Schweden angereist, um ein einziges Deutschlandkonzert ohne Zugaben zu spielen.

Gut war es. Und in Gießen.

Die nächste Möglichkeit, Mattias Eklundh in Deutschland zu begegnen und an einem Workshop seiner Freak Guitar Clinic teilzunehmen, ist die diesjährige Frankfurter Musikmesse. Es lohnt sich.


-ald

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